

Esoterik (von altgriechisch ἐσωτερικός esōterikós „innerlich“) ist in der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs eine für einen begrenzten „inneren“ Personenkreis bestimmte philosophische Lehre, im Gegensatz zu Exoterik als öffentlichem Wissen. Andere traditionelle Wortbedeutungen beziehen sich auf einen inneren, spirituellen Erkenntnisweg, etwa synonym mit Mystik, oder auf ein „höheres“, „absolutes“ Wissen. Daneben wird der Begriff in freier Weise für ein breites Spektrum verschiedenartiger spiritueller und okkulter Lehren und Praktiken gebraucht. Wortbedeutung und Etymologie
Der Gebrauch des Adjektivs „esoterisch“ (altgriechisch esōterikós) lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Der älteste Nachweis findet sich in einer Satire des Lukian von Samosata im 2. Jahrhundert n. Chr., wo sich „esoterisch“ und „exoterisch“ auf zwei Aspekte der Lehren des Aristoteles beziehen (von innen bzw. von außen betrachtet). Bei Clemens von Alexandria taucht in diesem Zusammenhang erstmals das Motiv der Geheimhaltung auf. In einem ähnlichen Sinn unterschieden Hippolyt von Rom und Iamblichos von Chalkis zwischen exoterischen und esoterischen Schülern des Pythagoras, wobei letztere einen inneren Kreis bildeten und bestimmte Lehren exklusiv empfingen. In einer anderen Bedeutung, die sich ebenfalls bis in die Antike zurückverfolgen lässt, bezieht sich „esoterisch“ auf einen inneren Erkenntnisweg im Sinne der Philosophie Platons und der Mystik. In dem einen oder anderen Sinn verwendeten auch spätere Autoren das Adjektiv. Im Englischen tritt es erstmals 1687 in einer History of Philosophy auf, im Französischen 1752 in einem Lexikon.
Der Gebrauch des Substantivs „Esoterik“ (frz. ésotérisme) ist dagegen sehr viel jüngeren Ursprungs und beginnt 1828 in einem Buch von Jacques Matter über die antike Gnosis. Nachdem auch andere Autoren diesen Neologismus aufgegriffen hatten, wurde er 1852 erstmals in einem französischen Universallexikon als Bezeichnung für Geheimlehren aufgeführt. Weithin gebräuchlich wurde das Wort dann durch die einflussreichen Bücher von Eliphas Lévi über Magie, von wo aus es in das Vokabular des Okkultismus Eingang fand. Seither haben es (wie auch das Adjektiv) viele Autoren und Strömungen als Selbstbezeichnung verwendet, wobei sie es oft in freier Weise neu definierten.
Heute wird „Esoterik“ weithin als Bezeichnung für „Geheimlehren“ verstanden, wobei es sich de facto allerdings zumeist um allgemein zugängliche „offene Geheimnisse“ handelt, die sich einer entsprechenden Erkenntnisbemühung erschließen. Nach einer anderen, ebenfalls sehr geläufigen Bedeutung bezieht sich das Wort auf eine höhere Stufe der Erkenntnis, auf „wesentliches“, „eigentliches“ oder „absolutes“ Wissen und auf die sehr vielfältigen Wege, welche zu diesem führen sollen.
In der Wissenschaft haben sich zwei grundlegend verschiedene Verwendungen der Bezeichnung
Esoterik oder esoterisch etabliert. Im religionwissenschaftlichen Kontext wird sie
gewöhnlich typologisch definiert und bezieht sich auf in bestimmter Weise charakterisierte
Formen religiöser Aktivität. Oft handelt es sich dabei um Geheimlehren, entsprechend
der ursprünglichen Bedeutung von Esoterik. Eine andere, damit verwandte Tradition,
die von Mircea Eliade, Henry Corbin und Carl Gustav Jung repräsentiert wird, bezieht
„esoterisch“ auf die tieferen, „inneren Geheimnisse“ der Religion im Unterschied
zu deren exoterischen Dimensionen wie sozialen Institutionen und offiziellen Dogmen.
Beide Ansätze lassen sich auf die Religionen aller Zeiten und aller Weltgegenden
anwenden. Davon zu unterscheiden sind geschichtswissenschaftliche Ansätze, die bestimmte
Strömungen speziell der westlichen Kultur als Esoterik zusammenfassen, welche gewisse
Ähnlichkeiten aufweisen und historisch miteinander verbunden sind. In diesem Zusammenhang
wird in jüngster Zeit zumeist von westlicher Esoterik gesprochen. Zum Teil wird auch
der zeitliche Rahmen noch begrenzt, indem nur in der Neuzeit von Esoterik gesprochen
wird; andere Autoren nehmen auch entsprechende Erscheinungen im Mittelalter und in
der späten Antike hinzu. Auch bezüglich der exakten inhaltlichen Abgrenzung des Begriffs
besteht noch kein Konsens, wohl aber bezüglich der Kernbereiche. Dazu gehören in
der Neuzeit die Wiederentdeckung der Hermetik in der Renaissance, die sogenannte
okkulte Philosophie mit ihrem im weiten Sinne neuplatonischen Kontext, die Alchemie,
der Paracelsismus, das Rosenkreuzertum, die christliche Kabbala, die christliche
Theosophie, der Illuminismus und zahlreiche okkultistische und sonstige Strömungen
im 19. und 20. Jahrhundert bis hin zur New Age-
Geschichte der westlichen Esoterik
Vorbemerkung: Eine „Geschichte der Esoterik“ ist mit dem Problem konfrontiert, dass es keine allgemein gültige Definition ihres Gegenstands gibt, sondern sehr verschiedene Definitionen gebräuchlich sind. Der folgende historische Abriss richtet sich nach den Übersichtsarbeiten von Faivre (2001), Stuckrad (2004) und Wehr (2007, erst teilweise berücksichtigt), die jeweils andere Definitionen zugrunde legen. Ergänzend wurde die Philosophiegeschichte von Röd (2000) herangezogen.
Antike
Pythagoras, dargestellt auf einer antiken Münze
Erste Zeugnisse von Lehren und Sozialstrukturen, die aus heutiger Sicht der Esoterik
zugerechnet werden können, finden sich schon recht früh in der griechischen Antike,
wobei Pythagoras (ca. 570 -
Ein weiteres zentrales Motiv der Esoterik, das bei den Pythagoreern erstmals auftrat, ist die Erhebung der Zahlen zu den Prinzipien alles Seienden. Sie betrachteten die Welt als eine nach ganzzahligen Verhältnissen harmonisch geordnete Einheit (Kosmos), und den Weg der Läuterung der Seele sahen sie in der Unterwerfung unter die allgemeine, mathematisch ausdrückbare Harmonie aller Dinge. Auch die Idee der musikalisch begründeten Sphärenharmonie, basierend auf einem Vergleich der Planetenbewegungen mit den von den Pythagoreern entdeckten Zahlenverhältnissen der musikalischen Intervalle, hat hier ihren Ursprung. Sogar ein moralischer Aspekt wurde den Zahlen zugesprochen, indem man bestimmten Zahlen sittliche Qualitäten wie Gerechtigkeit oder Zwietracht zuordnete.[6]
Platon, römische Kopie einer zeitgenössischen Büste
Platon (427-
Esoterisch war Platons Philosophie auch in dem Sinne, dass sie auf einen inneren Weg verwies. Das Eigentliche seiner Lehre sei, so Platon, gar nicht mitteilbar, sondern nur der eigenen Erfahrung zugänglich. Er könne als Lehrer nur Hinweise geben, aufgrund derer wenige Auserwählte in der Lage sein würden, sich selbst dieses insofern esoterische Wissen zu erschließen, das in solchen Fällen plötzlich als Idee in der Seele entspringe und sich dann selbst weiter seine Bahn breche.
Das Motiv eines inneren Kreises von „Eingeweihten“ (Grundmann) oder Auserwählten,
teils verbunden mit der Aufforderung zur Geheimhaltung (Arkandisziplin), tritt auch
in den frühchristlichen Schriften, die später als Evangelien in das Neue Testament
aufgenommen wurden, des Öfteren auf, wobei allerdings nicht durchgängig ein bestimmter
Menschenkreis gemeint ist. Insofern kann von neutestamentlichen Ansätzen einer christlichen
Esoterik gesprochen werden, wie der Esoterikforscher Gerhard Wehr es tut. Diesen
von Jesus persönlich Auserwählten steht der Apostel Paulus gegenüber, der Jesus nie
persönlich begegnet war und dessen Anhänger sogar vehement bekämpfte, aber durch
eine innere Offenbarung („Damaskuserlebnis“) zum Christentum bekehrt und schließlich
zu dessen erfolgreichstem Missionar wurde. Hier spricht Wehr von „paulinischer Esoterik“
im Sinne des inneren Weges. Paulus erhob den Anspruch, das „Pneuma“ (Geist) Gottes
empfangen zu haben und daher das Wesen und den Willen Gottes zu kennen, denn der
Geist ergründe (anders als die menschliche Weisheit) alles, „auch die Tiefen Gottes“.
Eine Sonderstellung unter den Schriften des Neuen Testaments nehmen noch das Evangelium
und die Offenbarung des Johannes ein, die etwa der Philosoph Leopold Ziegler als
„ein durchaus esoterisches Schrifttum“ bezeichnete. Diese Sonderstellung wurde auch
im frühen Christentum schon zum Ausdruck gebracht, indem man das Johannes-
An Platons Seelenlehre schloss in nachchristlicher Zeit der Neuplatonismus an, dessen
herausragender Vertreter der in Rom wirkende Plotin (205-
Eine andere in der hellenistischen Antike gestiftete Tradition, die für die Esoterik
eine große Bedeutung erlangen sollte, ist die Hermetik, die sich auf Offenbarungen
des Gottes Hermes beruft und eine Synthese griechischer Philosophie mit ägyptischer
Mythologie und Magie darstellt. Hier trat das bis dahin im griechisch-
Eine besondere Ausprägung erfuhr der Gedanke der Erlösung der Seele durch höhere Erkenntnis in diversen religiösen Strömungen der Spätantike, die zusammenfassend als Gnosis bezeichnet werden. Diese vielfältige Bewegung entstand im ersten nachchristlichen Jahrhundert im Osten des Römischen Reiches und in Ägypten. Sie trat in heidnischen, jüdischen und christlichen Spielarten auf. In ihr verbanden sich Elemente der griechischen Philosophie mit religiösen Vorstellungen. Grundlegend war dabei zumeist ein schroffer Dualismus, d.h. eine scharfe Trennung zwischen der geistigen Welt, der die menschliche Seele entstammt, und der im Grunde nichtigen materiellen Welt, an die sie vorübergehend gebunden ist, – auch verstanden als Gegensatz von Licht und Finsternis oder von Gut und Böse. Die heiligen religiösen Schriften wurden unter diesem Gesichtspunkt als verschlüsselte Botschaften betrachtet, die von „Pneumatikern“, denen das höhere Wissen über die geistige Wirklichkeit zugänglich war, verfasst worden seien und die auch nur von Pneumatikern wirklich verstanden werden könnten. Speziell in der christlichen Gnosis trat noch die Erlösergestalt des Christus und die damit verbundene Vorstellung eines entscheidenden Wendepunktes der Weltgeschichte hinzu.
Die Gnosis stieß auf zunehmenden Widerspruch sowohl von philosophischer Seite (z. B. Plotin) wie auch von seiten der sich etablierenden und institutionell festigenden christlichen Großkirche, wobei eine scharfe Trennung zwischen der im Entstehen begriffenen kirchlichen Theologie und den heterogenen Spielarten der christlichen Gnosis allerdings kaum möglich war und ist. So standen die einflussreichen Theologen Clemens und Origenes der Gnosis nahe, indem auch sie eine höhere, „geistige“ Erkenntnis propagierten und für sich in Anspruch nahmen, und Origenes wurde von seinem späteren Gegner Epiphanius von Salamis gar als „Oberhaupt der Ketzer“ bezeichnet. Problematisch ist zudem, dass die Bezeichnungen „Gnosis“ und „Gnostizismus“ im wesentlichen von den kirchlichen Gegnern geprägt wurden, während die so Bezeichneten sich selbst zumeist einfach „Christen“ oder gar „orthodoxe“ Christen nannten. Eine wesentliche Differenz zwischen den kirchlichen Kritikern und den von diesen so genannten Gnostikern bestand darin, dass letztere die eigene Erkenntnis (griech. gnosis) des Einzelnen betonten und eine „Selbstermächtigung des erkennenden Subjekts“ (Stuckrad) propagierten, während die Kirche großen Wert auf die Begrenztheit des menschlichen Erkenntnisvermögens legte und die höchsten Wahrheiten nur in der göttlichen Offenbarung gegeben sah, die – unter Berufung auf die Amtsnachfolge (apostolische Sukzession) – allein in den von ihr anerkannten (kanonisierten) Schriften sowie in den von ihr vorgegebenen festen Bekenntnisformeln zu finden sei. Im Konkreten entzündeten sich die Auseinandersetzungen besonders an Fragen der Astrologie und der Magie. Ab dem 4. nachchristlichen Jahrhundert hatte sich die Macht der Kirche so weit gefestigt, dass bereits geringfügige Abweichungen vom „rechten Glauben“ mit dem Tod durch Feuer oder Schwert geahndet werden konnten. Die Zeugnisse der Ansichten dieser „Häretiker“ wurden vernichtet und gingen fast restlos verloren, so dass man sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein weitgehend auf die nicht gerade unparteiischen Schilderungen erklärter Gegner wie Irenäus von Lyon stützen musste. Erst 1945 wurde in Nag Hammadi, Ägypten, eine Sammlung gnostischer Texte entdeckt, die den „Säuberungen“ entgangen war und erstmals einen umfassenden und unverfälschten Einblick in dieses nach eigener Einschätzung wahre oder orthodoxe Christentum erlaubte.
Mittelalter
Im Mittelalter gerieten große Teile dieser antiken Lehren im christlichen Kulturraum in Vergessenheit, während sie im islamischen Raum bewahrt und vielfach aufgegriffen wurden und teils auch in die jüdische Mystik einflossen. Insbesondere solche Lehren, die eine individuelle Erlösung implizierten oder sich auf religiöse Urkunden beriefen, welche keinen Eingang in den biblischen Kanon gefunden hatten, wurden aus dem orthodoxen Christentum ausgegrenzt. Daneben bestanden allerdings im Mittelmeerraum pagane („heidnische“) Religionen fort, und im Nahen Osten blieben vor allem der Manichäismus, der Zoroastrismus und der Islam neben dem orthodoxen Christentum bestehen.
Auf der anderen Seite boten innerhalb des letzteren die neu entstehenden Klöster
– insbesondere die des 529 gegründeten Benediktiner-
Ab dem 8. Jahrhundert konnten sich in Südspanien unter der Herrschaft der in religiösen Dingen sehr toleranten Mauren in friedlicher Koexistenz allerlei Spielarten islamischer, jüdischer und christlicher Spiritualität entfalten, unter denen hier vor allem der islamische Sufismus zu nennen ist. Auch Platon und andere griechische Philosophen wurden von hier aus im westlichen Europa näher bekannt.
Die herausragende Gestalt der frühmittelalterlichen Mystik und zugleich der bedeutendste Philosoph seiner Epoche war der im 9. Jahrhundert lebende Johannes Scotus Eriugena, der von Kaiser Karl dem Kahlen an die Pariser Hofschule berufen wurde. Seine Lehre war stark von Dionysios Areopagita und dem Neuplatonismus beeinflusst, und er legte die ersten brauchbaren Übersetzungen der Werke des Dionysios ins Lateinische vor, wodurch diese auch im Westen ihre Wirkung entfalten konnten. Ein zentrales Thema seiner Lehre war die Rückkehr des Menschen zu Gott, die „Gottwerdung“ (lat. deificatio oder griech. théosis) durch Erhöhung des Bewusstseins, also ganz im Sinne des Neuplatonismus. Freilich wurden seine Ansichten schon zu seinen Lebzeiten von lokalen Synoden verurteilt, und im 13. Jahrhundert wurden auf Geheiß des Papstes alle greifbaren Exemplare seines Hauptwerks vernichtet.
Vertreibung der Katharer aus Carcassonne im Jahr 1209.
Eine mit der frühchristlichen Gnosis vergleichbare Bewegung sind die Katharer, über
die ab der Mitte des 12. Jahrhunderts Berichte vorliegen, deren Ursprung aber weitgehend
im Dunkeln liegt. Der Schwerpunkt dieser sich schnell ausbreitenden spirituellen
Bewegung lag in Südfrankreich und Norditalien. Sie wich in wesentlichen Punkten von
der römisch-
Als neue mystische Geheimlehre trat im 12. Jahrhundert in Südfrankreich die jüdische Kabbala auf, die zunächst im Judentum eine große Bedeutung erlangte, später aber auch außerhalb desselben in der Geschichte der Esoterik eine bedeutende Rolle spielen sollte. Ursprünglich auf die Deutung der Heiligen Schrift (Tora) beschränkt, entwickelte die Kabbala bald auch eine eigenständige theologische Lehre (siehe Sephiroth), die mit magischen Elementen (Theurgie) verbunden war. Manche Kabbalisten (am prominentesten Abraham Abulafia) vertraten (wie die christlichen Gnostiker) die Ansicht, dass man nicht nur durch Interpretation der Tora, sondern auch durch direkte mystische Erfahrung zu „absolutem“ Wissen gelangen könne.
Hildegard von Bingen: „Buch von den göttlichen Werken“, Darstellung einer Vision des Menschen als Teil des Kosmos
Bis ins 13. Jahrhundert finden sich auch innerhalb des offiziellen Christentums noch wesentliche Teile dessen, was man später als Esoterik bezeichnen würde, darunter kosmologische Lehren, das Denken in Entsprechungen, die Imagination und die Idee der spirituellen Transformation. Beispiele dafür sind in Deutschland die Mystikerin Hildegard von Bingen, in Frankreich die platonisch ausgerichtete Schule von Chartres (Bernardus Silvestris, Guillaume de Conches, Alanus ab Insulis), in Italien der Visionär Joachim von Fiore und die Franziskaner, in Spanien die neuplatonisch geprägte, der Kabbala nahestehende Lehre des Mallorquiners Ramon Llull und in England die Schule von Oxford (Theosophie des Lichts bei Robert Grosseteste, Alchemie und Astrologie bei Roger Bacon). Um 1300 setzte sich jedoch in der Theologie der Averroismus durch, der den Rationalismus betont und Imaginatives ablehnt.
Speziell die Mystik erfuhr allerdings in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts einen bemerkenswerten Aufschwung und eine Popularisierung, indem ihre Vertreter zum Gebrauch der jeweiligen Volkssprache anstelle des Lateinischen übergingen. Am bedeutendsten waren hier die deutschen Dominikaner Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse; Vergleichbares gab es jedoch auch in den Niederlanden, in England, Frankreich, Italien und Spanien. Bei aller Vielfalt des von diesen Mystikern geschilderten inneren Erlebens und der von ihnen verwendeten Begriffe war ihnen das Ziel der Unio mystica, der mystischen Vereinigung oder Kommunion des Menschen mit Gott, gemeinsam, die „Gottesgeburt im Seelengrund“. In Eckharts mystischem Denken erreichte die mittelalterliche Mystik einen Höhepunkt; zugleich bildet es aber den Ausgangspunkt für eine neue Richtung der Mystik, die bis in die frühe Neuzeit hinein wirken sollte. Bei ihm stand „Mystik“ nicht für ekstatische Verzückung, sondern für eine besondere Denkweise, die über das Argumentieren und Schlussfolgern hinausgeht und zu einem unmittelbaren Erfassen des Absoluten, ja zum Einswerden mit diesem führt. Damit knüpfte Eckhart an Johannes Scotus Eriugena, Dionysios Areopagita und den Neuplatonismus an. Da er sich vielfach der deutschen Sprache bediente, wurde er zum wirkungsmächtigsten Vertreter dieser platonistischen Richtung innerhalb der christlichen Theologie, obwohl Teile seiner Lehre posthum als Häresie verurteilt wurden und auch seine allgemeinverständliche Verbreitung schwieriger theologischer Erörterungen auf Kritik stieß.
Esoterische Praktiken wie die Magie und die Astrologie waren im Mittelalter verbreitet.
Zur Magie gehörte auch die Beschwörung (Invokation) von Dämonen und Engeln, wobei
die Existenz von Dämonen als gefallener Engel auch in der Theologie anerkannt war.
Die Alchemie erlangte erst im 12. Jahrhundert eine gewisse Bedeutung, ausgehend von
arabisch-
Frühe Neuzeit
Corpus Hermeticum, flämische Ausgabe von 1643
In der Renaissance, in der man sich auf die Antike zurückbesann, erlebte auch die Esoterik einen Aufschwung. Maßgeblich dafür waren die Wiederentdeckung bedeutender hermetischer Schriften (Corpus Hermeticum), die Erfindung des Buchdrucks, durch den sich ein viel breiteres Publikum erschloss, und auch die Auswirkungen der Reformation.[23] Antoine Faivre, der Altmeister der Esoterikforschung, sieht im 16. Jahrhundert sogar den eigentlichen „Ausgangspunkt dessen, was man später als Esoterik bezeichnen sollte“, und betrachtet daher vergleichbare Erscheinungen in der Antike und im Mittelalter lediglich als Vorläufer der Esoterik: „als sich die Naturwissenschaften von der Theologie ablösten und man begann, sie um ihrer selbst willen zu betreiben (...), da konnte sich die Esoterik als eigener Bereich konstituieren, der in der Renaissance zunehmend die Schnittstelle zwischen Metaphysik und Kosmologie einnahm“.
Das Corpus Hermeticum, eine Sammlung von Schriften, die dem nach neuerer Kenntnis
fiktiven Autor Hermes Trismegistos zugeschrieben wurden, wurde 1463 in Mazedonien
entdeckt und gelangte in den Besitz des Mäzens Cosimo de' Medici in Florenz. Diese
Texte schienen sehr alt zu sein, sogar älter als die Schriften Moses und damit die
gesamte jüdisch-
Marsilio Ficino, Büste im Dom von Florenz
Der Übersetzer des Corpus Hermeticum, Marsilio Ficino (1433-
Ein dritter wichtiger Einfluss auf die Esoterik der Renaissance ging von der Kabbala
aus, indem deren Methoden zur Deutung der religiösen Urkunden auch von Christen übernommen
wurden. Die bedeutendsten Vertreter dieser „christlichen Kabbala“ waren Pico della
Mirandola (1463-
In Deutschland entwickelte der Kölner Philosoph und Theologe Agrippa von Nettesheim
(1486-
Paracelsus, 1540
Die neuplatonische Dreiteilung von Mensch und Welt und die Entsprechung von Mikrokosmos
(Mensch) und Makrokosmos liegen auch der medizinischen Lehre des Paracelsus (1493-
Zu den bedeutenden Esoterikern der frühen Neuzeit gehört auch Giordano Bruno (1548-
Jakob Böhme, Alle Theosophischen Schriften, 1682
An die Forderung Martin Luthers, neben der Bibel nur auf einen individuellen Zugang
zu Gott zu vertrauen, knüpfte im 16. und 17. Jahrhundert die „klassische“ Theosophie
an. Deren wichtigster Vertreter war Jakob Böhme (1575-
Johann Valentin Andreae, 1639
In den Jahren 1614 bis 1616 erschienen einige mysteriöse Schriften, die großes Aufsehen
erregten. Ihre anonymen Autoren beriefen sich auf die mythische Gestalt des Christian
Rosencreutz, der von 1378 bis 1484 gelebt haben soll und dessen Hinterlassenschaft
sie in seinem Grab entdeckt hätten. Die von diesen ersten Rosenkreuzern propagierte
Lehre ist eine Synthese verschiedener esoterischer und naturphilosophischer Traditionen
mit der Idee einer „Generalreformation“ der ganzen Welt. Ihre Publikation löste eine
Flut von zustimmenden und ablehnenden Kommentaren aus; schon 1620 waren über 200
diesbezügliche Schriften erschienen. Der angeblich dahinter stehende geheime Orden
bestand nach heutigem Kenntnisstand jedoch wahrscheinlich nur aus wenigen Personen
an der Tübinger Universität, darunter Johann Valentin Andreae (1586-
Einen wichtigen Wendepunkt in der Rezeption esoterischer Lehren markiert die 1699/1700
publizierte Unparteyische Kirchen-
Im 18. Jahrhundert entwickelte sich eine im Vergleich zu den „Klassikern“ wie Jakob
Böhme weniger visionäre, dafür stärker intellektuell geprägte Theosophie. Deren wichtigster
Vertreter, Friedrich Christoph Oetinger (1702-
Emanuel Swedenborg
Eine Sonderstellung im Bereich der Theosophie nimmt der renommierte schwedische Naturwissenschaftler
und Erfinder Emanuel Swedenborg (1688-
In der Aufklärung, zu deren wichtigstem Denker Kant durch seine späteren Hauptwerke avancieren würde, war der Esoterik neben den etablierten Kirchen eine weitere mächtige Gegnerschaft erwachsen. Aufgrund seines Verständnisses von Vernunft und Wissen musste Kant, obwohl er in jungen Jahren selbst der Seelenwanderungslehre angehangen hatte, Lehren wie diejenige Swedenborgs ablehnen, und darin folgte ihm bald die große Mehrheit der Gelehrten. Zwar könne man, so Kant, nicht beweisen, dass Swedenborgs Behauptungen über die Existenz von Geistern und dergleichen falsch seien, ebenso wenig aber das Gegenteil, und wenn man auch nur eine einzige Geistererzählung als wahr anerkennen würde, würde man damit das gesamte Selbstverständnis der Naturwissenschaften in Frage stellen.
Philipp Otto Runge: Der Morgen, 1808
Dass Aufklärung und Esoterik nicht notwendigerweise im Gegensatz zueinander stehen mussten, zeigen hingegen die Freimaurer, bei denen ein aktives Eintreten für die rationale Aufklärung und ein verbreitetes Interesse für Esoterik nebeneinander bestanden und „Aufklärung“ vielfach mit einem Streben nach „höherem“ Wissen gleichgesetzt wurde, verbunden mit dem esoterischen Motiv der Transformation des Individuums. Esoterisch ausgerichteten Orden gehörten im 18. Jahrhundert viele bedeutende Personen an, darunter der preußische Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm II., dessen Orden allerdings nur bis zu seiner Krönung bestand, weil er damit aus der Sicht der Ordensleitung seinen Zweck erfüllt hatte. Obwohl auch einige andere Adlige bedeutende Freimaurer waren, spielte das Freimaurertum insgesamt aber eher eine Rolle bei der Stärkung des sich emanzipierenden Bürgertums gegenüber dem absolutistischen Staat.
In die Naturphilosophie und Kunst der deutschen Romantik floss in erheblichem Maß
esoterisches Gedankengut ein. So war Franz von Baader (1765-
Moderne
Mit der Begründung der modernen Chemie im späten 18. Jahrhundert (vor allem durch
die Schriften Lavoisiers 1787/1789) war der Niedergang der „operativen“ Alchemie
eingeleitet, was deren Popularität allerdings zunächst wenig beeinträchtigte, und
daneben bestand eine „spirituelle“ Alchemie als eine spezielle Form der Gnosis weiter.
Auch Elektrizität und Magnetismus waren in dieser Zeit geläufige Themen esoterischer
Diskurse, wobei sich besonders der schwäbische Arzt Franz Anton Mesmer (1734-
Ende des 18. Jahrhundert tauchte die neue Praktik auf, zumeist weibliche Personen in einen „magnetischen Schlaf“ zu versetzen und dann über die übersinnliche Welt zu befragen. Im deutschen Sprachraum befasste sich der schon genannte Justinus Kerner damit. Eine Abwandlung dieser Praktik ist der Spiritismus, dessen Ursprung 1848 bei zwei Schwestern in den USA liegt, der aber schnell auch auf Europa übergriff und Millionen Anhänger fand. Auch hierbei dient eine Person als „Medium“, und diesem werden Fragen gestellt, welche sich an die Geister von Verstorbenen wenden. Die Geister sollen antworten, indem sie den Tisch, an dem die Sitzung stattfindet, in Bewegung versetzen. In Verbindung mit dem Reinkarnationsgedanken entwickelte sich daraus eine regelrechte Religion.
Als Begründer des Okkultismus im eigentlichen Sinn in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts gilt Eliphas Lévi (1810-
Ein Kennzeichen der Moderne ist die zunehmende Trennung von materiellen und sakral-
Helena Petrovna Blavatskaya, 1877
In einem engeren Sinn wird vielfach das Jahr 1875 als Geburtsjahr der modernen westlichen
Esoterik angesehen, markiert durch die Gründung der Theosophischen Gesellschaft (TG)
in New York. Initiator und dann auch Präsident dieser Gesellschaft war Henry Steel
Olcott (1832-
Kurz nach der Gründung der TG machte sich Blavatsky an die Abfassung ihres ersten Bestsellers „Die entschleierte Isis“ (Isis Unveiled), der 1877 herauskam und dessen erste Auflage bereits nach 10 Tagen vergriffen war. In dieser und in anderen Schriften – das Hauptwerk „Die Geheimlehre“ (The Secret Doctrine) erschien 1888 – bündelte HPB die esoterischen Traditionslinien der Neuzeit und gab ihnen eine neue Form. Von großer Bedeutung war dabei die Verbindung mit östlichen spirituellen Lehren, an denen zwar schon seit der Romantik ein recht reges Interesse bestanden hatte, die nun aber als das reinste „Urweistum“ der Menschheit in den Vordergrund rückten, was die Esoterik des 20. Jahrhunderts entscheidend prägen sollte. Blavatsky selbst gab einerseits an, ihr Wissen zu erheblichen Teilen der beinahe täglichen „Präsenz“ eines „Meisters“ zu verdanken (was man hundert Jahre später einmal „Channeling“ nennen würde). Im Vorwort der Geheimlehre hingegen behauptete sie, lediglich ein uraltes und bisher geheim gehaltenes östliches Dokument (das „Buch des Dzyan“) zu übersetzen und zu kommentieren. Schon nach dem Erscheinen von Isis Unveiled begannen Kritiker jedoch nachzuweisen, dass der Inhalt dieses Buches fast vollständig auch schon in anderer zeitgenössischer Literatur zu finden war, wobei die meisten der betreffenden Bücher für HPB unmittelbar in Olcotts Bibliothek verfügbar waren. Der enormen Wirkung ihres Werks tat das jedoch keinen Abbruch.
Das hermetische Rosenkreuz des Golden Dawn
Im Umfeld der Theosophischen Gesellschaft entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts
eine ganze Reihe neuer initiatischer Gemeinschaften und magischer Orden, überwiegend
in freimaurerischer und rosenkreuzerischer Tradition, darunter der Hermetic Order
of the Golden Dawn (1888). Dieser Orden war von der christlichen Kabbala und dem
Tarot inspiriert, befasste sich mit ägyptischen und anderen antiken Gottheiten und
räumte einer zeremoniellen Magie einen erheblichen Raum ein. Für letztere stand vor
allem Aleister Crowley (1875-
In Deutschland gründete Franz Hartmann 1886 eine deutsche Abteilung der Theosophischen
Gesellschaft und 1888 einen Rosenkreuzer-
Der populärste Zweig der Esoterik im 20. Jahrhundert war zweifellos die Astrologie. Sie bedient das Bedürfnis, mit Hilfe des Prinzips der Entsprechung die verloren gegangene Einheit von Mensch und Universum wieder herzustellen. Dies kann neben der praktischen Anwendung auch einen „gnostischen“ Aspekt haben, indem man „Zeichen“ zu deuten versucht und eine ganzheitliche Sprache entwickelt. Eine ähnliche Dualität von Praxis und Gnosis liegt auch beim Tarot vor sowie bei der Unterscheidung von zeremonieller und initiatischer Magie.
C.G. Jung 1912
Einen herausragenden Einfluss auf die Entwicklung der populären Esoterik in den letzten
Jahrzehnten („New Age“) hatte Carl Gustav Jung (1875-
Jungs aus der Theorie der Archetypen entwickeltes Konzept des kollektiven Unbewussten
gehört auch zu den Ursprüngen der transpersonalen Psychologie, welche annimmt, dass
es Ebenen der Wirklichkeit gibt, auf denen die Grenzen der gewöhnlichen Persönlichkeit
überschritten werden können und eine gemeinsame Teilhabe an einer allumfassenden
Symbolwelt möglich ist. Solche Vorstellungen verbanden sich in der von Amerika ausgehenden
Hippie-
Edgar Cayce 1910
Für die Kommunikation mit transzendenten Wesen in einem veränderten Bewusstseinszustand
(z.B. Trance) etablierte sich in den 1970er Jahren die Bezeichnung „Channelling“.
Sehr populär wurden in diesem Bereich die Prophezeiungen von Edgar Cayce (1877-
Ein weiteres zentrales Thema der heutigen Esoterik sind ganzheitliche Konzeptionen
der Natur, wobei naturwissenschaftliche oder naturphilosophische Ansätze die Grundlage
für eine spirituelle Praxis bilden. Ein Beispiel dafür ist die Tiefenökologie, eine
biozentrische und radikal gegen den vorherrschenden Anthropozentrismus gerichtete
Synthese ethischer, politischer, biologischer und spiritueller Positionen (Arne Næss,
deep ecology, 1973). Die Tiefenökologie betrachtet die gesamte Biosphäre als ein
einziges, zusammenhängendes „Netz“, das nicht nur als solches erkannt, sondern auch
in einer spirituellen Dimension erfahren werden soll. Damit verwandt sind James Lovelocks
Gaia-
Das Goetheanum in Dornach/Schweiz, Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft
Im Bereich der Freimaurerei und des Rosenkreuzertums wurden im 20. Jahrhundert zahlreiche
initiatische Gesellschaften neu gegründet. Eine besonders breite Wirkung entfaltete
der 1915 gegründete Rosenkreuzer-
Wie schon in der Romantik, lassen sich auch in der Moderne vielfach esoterische Einflüsse
in Kunst und Literatur aufzeigen. Das gilt explizit für die Architektur Rudolf Steiners
(Goetheanum), für die Musik Alexander Skrjabins, die Gedichte Andrej Belyis, die
Dramen August Strindbergs und das literarische Werk Hermann Hesses, aber auch für
Bereiche der neueren Science Fiction wie etwa die Star-
Esoterik als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung
Ursprünge der Esoterikforschung
Was heute als westliche Esoterik bezeichnet wird, wurde anscheinend erstmals gegen
Ende des 17. Jahrhunderts als eigenständiges und zusammenhängendes Feld erkannt.
1690/1691 publizierte Ehregott Daniel Colberg seine polemische Schrift Das platonisch-
Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden derartige Themen weitgehend aus dem
wissenschaftlichen Diskurs ausgegrenzt, indem man sie als Produkte irrationaler Schwärmerei
betrachtete oder als vor-
Hermetik und neuzeitliche Wissenschaft: Das Yates-
In ihrem aufsehenerregenden Buch Giordano Bruno and the Hermetic Tradition versuchte
die Historikerin Frances A. Yates 1964 nachzuweisen, dass die Hermetik, wie sie von
Pico della Mirandola, Giordano Bruno und John Dee vertreten wurde, bei der Begründung
der neuzeitlichen Wissenschaft in der Renaissance eine wesentliche Rolle gespielt
habe und dass diese Wissenschaft ohne den Einfluss der Hermetik gar nicht entstanden
wäre. Obwohl das „Yates-
Esoterik als Denkform: Das Faivre-
Antoine Faivre stellte 1992 die These auf, dass man die Esoterik als eine Denkform (frz. forme de pensée) betrachten könne, und beschrieb vier grundlegende Komponenten dieser Denkform
* Die Entsprechungen: Zwischen allen Teilen der sichtbaren Welt und allen Teilen der unsichtbaren Welt und umgekehrt existieren symbolische oder reale Verbindungen. Diese Verbindungen können durch den Menschen erkannt, gedeutet und benutzt werden. Es lassen sich dabei zwei Arten von Entsprechungen unterscheiden: die in der Natur vorgefundenen Konstellationen mit dem Menschen oder Teilen seiner Psyche oder seines Körpers (z. B. Astrologie) sowie zwischen der Natur und offenbarten Schriften (z. B. Kabbala).
* Die lebendige Natur: Die Natur in allen ihren Teilen wird als wesenhaft lebendig angesehen. Ihr können deshalb neben der materiellen Wirklichkeit auch seelische und geistige Eigenschaften zugesprochen werden. Sie zu erkennen und zu beschreiben nimmt einen besonders großen Stellenwert in der paracelsischen Tradition ein.
* Imagination und Mediation: Es gibt eine Reihe von Vermittlern, die die Entsprechungen offenbaren können (z. B. Rituale, Geister, Engel, symbolische Bilder etc.). Das wichtigste Hilfsmittel dafür stellt die Imagination dar, sie ist eine Art „Seelenorgan“, mit dessen Hilfe der Mensch eine Verbindung zu einer unsichtbaren Welt herzustellen vermag. Das Fehlen dieses Merkmals ist für Faivre der wesentliche Unterschied der Esoterik zur Mystik.
* Erfahrung der Transmutation: Transmutation ist ein ursprünglich aus der Alchemie stammender Begriff und meint die Verwandlung eines Teils der Natur in etwas anderes auf qualitativ neuer Ebene. In der Alchemie wäre dies beispielsweise die Verwandlung von Eisen in Gold. Dieses Prinzip wird in der Esoterik auch allgemein auf den Menschen angewendet und steht dann für die sogenannte „zweite Geburt“ bzw. die Wandlung zum „wahren Menschen“. Dieses Prinzip steht somit für den individuellen, spirituellen Heilsweg.
Daneben identifiziert Faivre in einigen Traditionen die „Transmission“, d.h. die Übertragung einer esoterischen Lehre durch einen Meister als Teil einer Initiation.
Dieser Ansatz Faivres erwies sich als sehr fruchtbar für die vergleichende Forschung,
wurde von vielen anderen Esoterikforschern übernommen und trat weitgehend an die
Stelle des Yates-
Institutionen
Ein erster spezieller Lehrstuhl für die „Geschichte der christlichen Esoterik“ wurde 1965 an der Sorbonne in Paris eingerichtet (1979 umbenannt in „Geschichte der esoterischen und mystischen Strömungen im neuzeitlichen und zeitgenössischen Europa“). Seit 1999 gibt es in Amsterdam einen Lehrstuhl für die „Geschichte der hermetischen Philosophie und verwandter Strömungen“. Drittens wurde an der Universität von Exeter (England) ein Zentrum für Esoterikforschung eingerichtet. Und seit Oktober 2006 hat sogar der Vatikan an der Päpstlichen Universität Angelicum in Rom einen „Lehrstuhl für nichtkonventionelle Religionen und Spiritualitätsformen“.
Die wichtigste deutschsprachige Fachzeitschrift ist „Gnostika“.
Kritik Kirchen
Manche Praktiken, die heute der „Esoterik“ zugerechnet werden, insbesondere die „Wahrsagerei“
und die Magie, werden schon im Alten Testament scharf verurteilt. Im frühen Christentum
entzündeten sich dann darüber hinaus grundsätzliche interne Konflikte, die zur Ausgrenzung
vieler sogenannter „gnostischer“ Gruppierungen aus der sich institutionell festigenden
Kirche führten, weshalb deren abweichende Lehren und Erkenntnis-
Bis heute stellt sich die offizielle Lehre der christlichen Hauptströmungen (Orthodoxie, Katholizismus, Protestantismus) klar gegen jede Form der „Wahrsagerei“ und Magie, so beispielsweise der Katechismus der Katholischen Kirche:
„Gott kann seinen Propheten und anderen Heiligen die Zukunft offenbaren. Die christliche Haltung besteht jedoch darin, die Zukunft vertrauensvoll der Vorsehung anheimzustellen und sich jeglicher ungesunder Neugier zu enthalten. (...) Sämtliche Formen der Wahrsagerei sind zu verwerfen: Indienstnahme von Satan und Dämonen, Totenbeschwörung oder andere Handlungen, von denen man zu Unrecht annimmt, sie könnten die Zukunft „entschleiern". Hinter Horoskopen, Astrologie, Handlesen, Deuten von Vorzeichen und Orakeln, Hellseherei und dem Befragen eines Mediums verbirgt sich der Wille zur Macht über die Zeit, die Geschichte und letztlich über die Menschen, sowie der Wunsch, sich die geheimen Mächte geneigt zu machen. Dies widerspricht der mit liebender Ehrfurcht erfüllten Hochachtung, die wir allein Gott schulden. Sämtliche Praktiken der Magie und Zauberei, mit denen man sich geheime Mächte untertan machen will, um sie in seinen Dienst zu stellen und eine übernatürliche Macht über andere zu gewinnen – sei es auch, um ihnen Gesundheit zu verschaffen –‚ verstoßen schwer gegen die Tugend der Gottesverehrung.
Die Evangelische Kirche in Deutschland schreibt:
„Esoterik wird von den Kirchen abgelehnt, weil man damit okkulte Praktiken, Spiritismus,
UFO-
Aufklärung
Mit der Aufklärung und der Emanzipation der Wissenschaft von der Vormundschaft der
Kirche trat in der Neuzeit eine dritte Partei auf, die sich sowohl den kirchlichen
wie den esoterischen Lehren kritisch gegenüberstellte. Dabei handelte es sich nach
neueren historischen Untersuchungen allerdings um ein sehr komplexes Geschehen voller
Widersprüche. So waren selbst höchstrangige Naturforscher jener Zeit wie Johannes
Kepler und Isaac Newton zugleich gläubige Christen und überzeugte Anhänger esoterischer
Disziplinen wie der Astrologie oder der Hermetik, und der Begriff „Aufklärung“ wurde
im 18. Jahrhundert oft auch auf die Erlangung „höheren“ Wissens im Sinne dessen bezogen,
wofür sich später dann die Bezeichnung „Esoterik“ etablierte.[65] Selbst noch bei
Ernst Haeckel (1834-
Ein oft auftauchendes Motiv der Esoterik, nämlich die Existenz und Erkennbarkeit
einer „anderen“, jenseitigen Welt, wurde jedoch von bedeutenden Aufklärern wie Immanuel
Kant scharf zurückgewiesen (vgl. Kapitel „Geschichte“), und in der Folge verschwand
dieses Thema praktisch aus der wissenschaftlichen Diskussion. Kant, der sich 1766
(zunächst noch anonym) in „Träume eines Geistersehers“ konkret mit den Behauptungen
eines der damals einflussreichsten Mystiker, Emanuel Swedenborg, auseinandersetzte,
bestritt keineswegs die Möglichkeit solcher Geister-
Eine ähnlich gelagerte Kritik entzündet sich an der Interpretation des Begriffs „Esoterik“.
So schreibt der Religionswissenschaftler Hartmut Zinser in einer Aufklärungs-
An Kants Argumentation anschließend, problematisiert der Physiker Martin Lambeck
die Esoterik insgesamt. Die Esoterik wolle das „mechanistisch-
Sonstiges
Viele Kritiker, aber auch manche Esoteriker selber beklagen einen „Supermarkt der Spiritualität“:
Verschiedene, teils widersprüchliche spirituelle Traditionen, die über Jahrhunderte in unterschiedlichen Kulturen der Welt entstanden, würden in der Konsumgesellschaft zur Ware, wobei sich verschiedene Trends und Moden schnell abwechselten („gestern Yoga, heute Reiki, morgen Kabbala“) und als Produkt auf dem Markt ihres eigentlichen Inhalts beraubt würden (Lifestyle). Dieser Umgang sei oberflächlich, reduziere Spiritualität auf Klischees und beraube sie ihres eigentlichen Sinnes.
Scharfe Polemik gegen Esoterik üben Vertreter der systemkritischen Fraktion der politischen Linken, u.a. Jutta Ditfurth.
Ditfurth bezeichnet Esoterik als Ideologie, welche „ein übelriechender Eintopf aus geklauten, ihrem sozialen und kulturellen Zusammenhang entrissenen Elementen aus allen traditionellen Religionen“ sei und faschistische Wurzeln habe. (Wikipedia)

